Vermutlich ist dasBerliner Hotel Otto das einzige Hotel, das seine Gäste mit eigenen Geschichten überraschen kann, Karin Rieppel hat einige davon geschrieben, zum Beispiel "Das Saxofon".    

Beim Frühstück, nach der ersten Tasse Kaffee, fiel es ihr wieder ein. „Hast du heute Nacht das Saxofon gehört?“ Sie sah sofort an seinem Blick, dass er es nicht gehört hatte. Noch bevor er sie etwas fragen konnte, stand sie auf und ging auf die Terrasse. Ein bisschen kühl war es, aber der Hochsommer war ja auch vorbei. Von hier oben im siebten Stock hatte man einen herrlichen Blick auf die Stadt, sie aber interessierte sich im Moment nur für die Häuser gegenüber. Gepflegte Häuser, große Fenster, Grünpflanzen auf den Balkonen. Eigenartig, von der Straße aus hatte diese Häuserzeile so einheitlich auf sie gewirkt, erst jetzt fiel ihr auf, dass es doch ein gewisses Durcheinander war: Jugendstil und Gründerzeit, Backstein, der nach 30er Jahre aussah, ein hochmoderner Neubau und Undefinierbares – und dennoch stimmte das Flair. War das Saxofonspiel irgendwo von dort gekommen? Sie ging wieder hinein, holte sich ein Croissant vom Frühstücksbuffet und setzte sich zu ihrem Mann an den Tisch. „Was war denn mit dem Saxofon?“ Sie hatte gehofft, er würde nicht fragen, er musste immer alles so genau wissen. Andererseits, es war ihre Schuld, dass er nachfragte, schließlich hatte sie ihn darauf angesprochen. „Ach“ sagte sie möglichst beiläufig „ich bin heute Nacht von einem Saxofon wach geworden.“ „Du meinst, im Hotel hat jemand Saxofon gespielt?“ – „Nein, das meine ich nicht. Es war nicht im Hotel, es kam von draußen, vielleicht aus einem der Häuser gegenüber oder von der Straße.“ – „Wir können an der Rezeption fragen, ob ein Zimmer nach hinten frei ist.“ – „Warum, es hat mich nicht gestört.“ – „Warum beschwerst du dich dann?“ – „Ich habe mich nicht beschwert, ich habe dich nur gefragt, ob du auch letzte Nacht das Saxofon gehört hast.“ – „Was wollen wir heute zuerst machen, Berlinische Galerie oder KaDeWe?“.

Es wurde trotzdem ein schöner Tag. Sie waren nicht das erste Mal übers Wochenende in Berlin, freuten sich, dass sie die Stadt hier und da schon ein bisschen kannten. Dennoch, es gab so unendlich viel zu sehen, so unendlich viele Dinge, die man unternehmen konnte - abends waren sie erschöpft vom Flanieren, aßen in einem Restaurant in der Nähe des Hotels und fielen gegen Mitternacht zufrieden ins Bett.

Sie hörte es, noch bevor sie richtig wach war. Da war es wieder, das Saxofon. Nur ein Saxofon, schmeichelnd und fordernd. Die Tür zum kleinen Ankleideraum stand offen und dort war das Fenster gekippt, sie war sich sicher, dass die Musik von draußen kam. Wie spät war es? Sie betätigte den kleinen Lichtknopf an ihrem Braun Reisewecker: zwei Uhr fünfzehn. Der Wecker war ein altmodisches Ding, aber sie liebte ihn, sie benutzte ihn zuhause zum Wecken und nahm ihn auf Reisen überall mithin. Jedenfalls, er spielte wieder. Dass es ein Mann war, der das Instrument spielte, das nahm sie ganz automatisch an. Sie stand leise und vorsichtig auf, um ihren Mann nicht zu wecken, ging ohne Licht anzumachen in den Ankleideraum, zog den Vorhang beiseite und öffnete einen Fensterflügel. Mit den Augen suchte sie die gegenüberliegenden Häuser ab. Nach links, zur Kreuzung hin, endete die Häuserreihe mit dem Renaissance-Theater, vielleicht war dort noch eine nächtliche Musiksession oder so etwas Ähnliches? Das fand sie immer wieder so erstaunlich an Berlin, dass es Aufführungen, Konzerte und alles Mögliche gab, das erst um Mitternacht oder noch später begann. Doch soweit sie das von ihrer Position aus sehen konnte, lag das Theater still und dunkel. Sie setzte sich auf das schmale Fensterbrett, stützte sich mit einem Bein am Boden ab und suchte erneut nach dem Saxofonspieler. Die Restaurants auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren geschlossen, doch in den Wohnungen darüber waren einige Fenster noch erleuchtet. Ab und zu hörte man Passanten. Aber wo war das Saxofon? Vielleicht stand er ja in einem Zimmer, das nicht erleuchtet war, wer um diese Zeit spielt, der liest keine Noten, der improvisiert. Sie konzentrierte sich eine Zeit lang auf die Musik, es klang nach Blues und es gefiel ihr gut, ein bisschen schwermütig und sentimental, zugleich dynamisch und leicht aggressiv. Ihre Sitzposition auf dem schmalen Fensterbrett war unkomfortabel, aber das störte sie nicht. Wenigsten die Silhouette des Saxofonspielers hätte sie gern gesehen. Sie musste an ihre erste New York Reise denken, als sie nicht schlafen konnte und mitten in der Nacht in Midtown Manhattan über die menschenleere Straße zu einem 24-Stunden-Deli gegangen war, um sich ein Sandwich zu holen. Dann stand sie mit dem Sandwich und einem Budweiser aus der Minibar am Hotelfenster, leider nur achter Stock, aber immerhin, und konnte sich gar nicht satt sehen an dieser nächtlichen Stadt. Sie wusste noch heute ganz genau, dass ihr Blick damals an einem weiter entfernten Fenster hängen geblieben war, das einzige hell erleuchtete Fenster in einem ansonsten dunklen Haus und in diesem Fenster saß jemand auf einem Hometrainer und strampelte mitten in der Nacht vor sich hin. Das ist Großstadt, hatte sie damals gedacht.

Sie musste schmunzeln, dass ihr das jetzt einfiel, man konnte das natürlich nicht vergleichen. Oder vielleicht doch so ein bisschen?

Plötzlich war es still, er hatte aufgehört zu spielen. Schade. Vielleicht machte er nur eine kleine Pause? „Was ist los?“ Sie hatte nicht bemerkt, dass Ihr Mann wach geworden war. Jetzt stand er neben ihr in dem kleinen Ankleideraum. „Das Saxofon hat wieder gespielt, bis eben.“ – „Willst du nicht wieder ins Bett kommen?“ – „Ich glaube, er wird noch einmal spielen, er holt gerade nur Luft.“ Ihr Mann sagte nichts, wandte sich vom Fenster ab und verschwand Richtung Bett. Sie war ihm deswegen nicht böse, es war schon ein bisschen verrückt von ihr, hier auf diesem unbequemen Fensterbrett zu kauern und darauf zu hoffen, dass die anonyme nächtliche Großstadtromanze noch nicht zu Ende war.

Plopp, plopp - leise Geräusche im Zimmer, die sie kaum wahrgenommen und denen sie keine Beachtung geschenkt hatte. Als Ihr Mann wieder neben ihr stand, hatte er zwei geöffnete Flaschen Bier in der Hand, das sah man durch die Straßenbeleuchtung auch in der Dunkelheit des Hotelzimmers. Eine Flasche hielt er ihr wortlos hin. Dann stieß er mit ihr an, kräftig, Flasche an Flasche, so wie es junge Männer oft machen. „Vielleicht“ sagte er leise und lehnte sich ganz leicht an sie an, „vielleicht haben wir ja Glück und er spielt noch einmal.“ Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, da hörte man das Saxofon wieder, röhrend, mit frischer Kraft. Er hatte, dachte sie, tatsächlich eine Pause zum Luftholen gebraucht. Jetzt spielte er weiter, weil er wusste, dass er ein Publikum hatte.

copyright: Karin Rieppel / Hotelottogeschichten

Karin Rieppel &
Sigrun Matthiesen

 

Wir sind Journalistinnen und Autorinnen mit langjähriger Erfahrung.

 

Unsere Leidenschaft ist es, bei jedem Menschen und jedem Vorhaben das Besondere, das Einzigartige zu entdecken.

 

Wir wissen, wie man Geschichten und Texte schreiben muss, damit sie beeindrucken, berühren, überzeugen.

 

Wir schreiben und bearbeiten Texte für Privatpersonen, für Institutionen, Stiftungen und Firmen, für Zeitungen, Zeitschriften und Verlage.

 

 

Foto © Faruk Hosseini 

im Buchstabenmuseum Berlin