Ewige Liebe

Es war endlich wieder ein Ort, der sie beruhigte, das merkte sie sofort. , Und es war höchste Zeit, dass sie ihn gefunden hatte. Dass es ein Friedhof war, hatte sie dabei zunächst ein bisschen irritiert, doch dann sagte sie sich, warum nicht. Er war von Alleen durchzogen und jetzt im Sommer war es besonders schön, wenn das Morgenlicht durch die Blätter der Alleebäume drang und für eine heiter-melancholische Stimmung sorgte. Hier war es still und friedlich, die Toten randalierten nicht und auch nicht die, die sie besuchten. Die meisten Besucher waren alte Frauen. Sie wirkten erstaunlich würdevoll an diesem Ort, viel würdevoller als auf den Straßen, wo ihr Alter und ihre Gebrechen die anderen Menschen aber auch sie selbst störten. Hier waren sie niemandem im Weg und sie hatte den Eindruck, dass die alten Ladies das sehr genossen.

 

Nach einiger Zeit kannte sie manche von ihnen vom Sehen, denn sie selbst kam ja auch zwei oder drei Mal die Woche, um hier ihre Bahnen zu ziehen. Sie werkelten ein bisschen am Grab ihrer Männer herum, zupften Unkraut, harkten und setzten sich dann für eine Weile so nah wie möglich an das Grab.

Eines Tages blieb sie zu ihrer großen Überraschung an einem der Gräber stehen und lächelte die alte Frau, die dort saß, an. Die Frau lächelte zurück:

 

Ich bin froh, dass das Bänkchen hier steht, das ist nicht nur bequemer, das ist auch viel schöner zum Verweilen. So viele gibt es davon ja nicht, die großen Bänke an den Wegen, und einige wenige kleine Bänkchen zwischen den Gräbern. Das sind ganz alte, die baut ja keiner mehr. Da habe ich natürlich Glück, das eins so nah am Grab von meinem Mann steht. Sie haben hier kein Grab auf dem Friedhof, oder?

 

Das habe ich mir schon gedacht, Sie sind ja noch jung!

 

Na ja, zumindest jünger als die Frauen, deren Männer hier begraben sind. Wir sind ja alle schon alte Frauen. Eigentlich gehört uns der Friedhof, lauter alte Frauen und die Gräber ihrer Männer. Ich habe mich schon oft gefragt, wenn wir sterben, wer pflegt eigentlich dann die Gräber? Ich sage Ihnen, keiner! Wenn Sie in die Richtung gehen, fast bis zum Ende des Friedhofs und dann auf der linken Seite, dann sehen Sie den Gräberfriedhof. Da kommen wohl all die Grabsteine hin, die ausgedient haben.

 

Natürlich machen das manchmal dann die Kinder, ich hab’ ja selbst auch Kinder, zwei Töchter und drei Enkelkinder, aber wissen Sie, das ist nicht das gleiche. Das ist eine andere Liebe, zwischen Mann und Frau und zwischen Eltern und Kindern. Mein Mann ist jetzt fünf Jahre tot und ich vermisse ihn jeden Tag. Jeden Tag! Ich war achtzehn, als ich ihn kennen gelernt habe, wir waren unser ganzes Leben lang ein Paar, und irgendwie sind wir auch jetzt noch ein Paar, auch wenn er nicht mehr auf der Welt ist. Finden Sie das komisch?

 

Sie bemühen sich, Verständnis zu zeigen, das ist nett von Ihnen, aber wissen Sie, ich denke manchmal, ob das leichter wird für Sie und die jüngeren Frauen, wenn Sie zum Schluss niemanden haben, um den Sie trauern können?

 

Sie meinen man muss nicht trauern?

 

Tja, mag sein. Aber wissen Sie, ich denke, ich weiß doch wenigstens, was ich verloren habe, das ist ja nicht nur ein trauriges Gefühl, sondern auch ein schönes, weil es bedeutet, das man etwas sehr Wertvolles hatte.

 

Ja, da haben Sie recht, ich bin selbst überrascht, wie schön das klingt, ich bin ja nun nicht die große Philosophin. Aber das ist das, was ich meine, man ist an solch einem Ort nicht nur traurig, man hat auch andere Gedanken. Mein Mann und ich, wir haben nicht ein einziges Mal daran gedacht, uns zu trennen. Ich weiß, dass das schon lange anders ist. Aber bei uns, in unserer Generation, da war es eben so. Und wenn ich auf diesem Bänkchen hier an seinem Grab sitze, dann denke ich oft, er weiß, dass ich hier bin. Jetzt ist es eben ein unsichtbares Band, das uns verbindet. Aber eine Verbindung ist es, dass spüre ich ganz genau.

 

Sie ging weiter, denn jetzt war alles gesagt. Von Ferne drehte sie sich noch einmal um und sah, wie die alte Frau sich ein bisschen mühsam von ihrem Bänkchen erhob.

 

Text: Karin Rieppel / Zeichnung: Martin Taylor

 

 

Karin Rieppel &
Sigrun Matthiesen

 

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Wir wissen, wie man Geschichten und Texte schreiben muss, damit sie beeindrucken, berühren, überzeugen.

 

Wir schreiben und bearbeiten Texte für Privatpersonen, für Institutionen, Stiftungen und Firmen, für Zeitungen, Zeitschriften und Verlage.

 

 

Foto © Faruk Hosseini 

im Buchstabenmuseum Berlin