Meine Zeit mit Angie

Sie begegnete mir eines Abends gegen 22.30 Uhr an der Bushaltestelle am Lützowplatz, ich wartete auf den 100, sie auch. Sie setzte sich, wirkte leicht erschöpft und zugleich erleichtert, packte ein Piccolo-Fläschchen aus, trank in kleinen Schlückchen, kicherte ein bisschen und sagte zu mir: „Na, wenn Se ’n Glas hätten, könnten Se vielleicht och'n Schlückchen ... „

„Nein, nein, sehr nett, aber vielen Dank, nein ... „

 

Also nuckelte sie allein vor sich hin.

 

Ich schätzte sie auf Ende 20, sie sah lustig und nett aus, erzählte, dass sie von der Arbeit kommt, toootal müde, aber auch froh, dass jetzt Schluss ist.

 

Der Bus kam nicht. Stattdessen ein Mann, der auf einen anderen Bus wartete. Nun schon drei einsame Seelen sprachen darüber, ob und wann und weshalb der 100 kommt oder nicht kommt. Weil er nicht kam, erzählte Angie - zu diesem Zeitpunkt wusste ich allerdings ihren Namen noch nicht - von einer Taxifahrt mit Freundinnen: Sechs Mädels insgesamt, alle waren gut drauf und der Taxifahrer dann auch, „der ist voll drauf eingestiegen“, das fand sie super, irgendwie magisch ...

 

Ich fand in dem Moment, dass sie etwas von Sally Hawkins aus Happy-Go-Lucky hatte, nur nicht so albern wie Polly und ein bisschen cooler.

 

Der 100 kam, ich stieg zuerst ein und setzte mich. Sie setzte sich neben mich und wir plauderten über Buserlebnisse, Touristen im 100 usw. und weil wir uns amüsierten, sagte sie irgendwann zu mir: „Sie sind och ne Lustje, wa?“ Sie ostberlinerte, das klingt ja auch heute noch netter und weicher als das Westberlinern.

Wir hatten fast die gleiche Tour vor uns, mit dem 100 bis Alex und dann mit der U 5 weiter, sie allerdings bis Lichtenberg, und dann noch mit der Straßenbahn oder 10 Minuten zu Fuß. Ja, ein weiter Weg, jeden Tag ne Stunde hin und ne Stunde zurück, in das Hotel, wo sie im Spa Bereich arbeitet, aber na ja, so schlimm ist das auch nicht, nur manchmal muss sie im Bus aufpassen, dass sie nicht einschläft.

 

Sie wirkte auf amüsante Art friedlich, keine Problembezirkhärte, keine von-Kerlen-enttäuscht-Härte, nichts dergleichen.

 

Und dann fiel ihr noch einmal das Taxierlebnis ein: „Wir waren uffm Karneval der Kulturen und wollten nach Hause, dit war irgendwie magisch, schade, dass die schönen Sachen immer so schnell vorbei sind ...“

 

Dann sprachen wir darüber, dass man sich auf'm Alex immer tot latscht, egal ob man vom Bus zur U-Bahn will, oder von der Straßenbahn zur S-Bahn oder was auch immer - da latscht man sich einfach immer tot!

 

Wir mussten rennen um die U 5 zu kriegen, freuten uns, dass wir es noch in die überfüllte U-Bahn geschafft hatten und dann kam auch schon der Augenblick des Abschieds: Handschlag, Lächeln und Lächeln und gegenseitige Versicherungen, wie sehr es uns gefreut hätte, einander zu begegnen: „Kommen Se doch mal zu mir ins Spa, fragen Se nach Angie, denn müssn Se och nüscht zahlen, dit mach ick denn schon ...“

 

Meine Abschiedsworte an Angie aus Lichtenberg: Passen Sie auf sich auf!

 

Text: Karin Rieppel / Zeichnung: Martin Taylor

 

 

 

Karin Rieppel &
Sigrun Matthiesen

 

Wir sind Journalistinnen und Autorinnen mit langjähriger Erfahrung.

 

Unsere Leidenschaft ist es, bei jedem Menschen und jedem Vorhaben das Besondere, das Einzigartige zu entdecken.

 

Wir wissen, wie man Geschichten und Texte schreiben muss, damit sie beeindrucken, berühren, überzeugen.

 

Wir schreiben und bearbeiten Texte für Privatpersonen, für Institutionen, Stiftungen und Firmen, für Zeitungen, Zeitschriften und Verlage.

 

 

Foto © Faruk Hosseini 

im Buchstabenmuseum Berlin