Wie du mir so ich dir

Sie sah ihn kommen und wusste sofort, auf dem ganzen Weg bis zur Kreuzung war sie der einzig mögliche Ankerpunkt für ihn, alle anderen Außenplätze der Kneipe waren frei so früh am Abend. Obwohl er mit seiner Fortbewegung sehr beschäftigt war, sah sie ihm an, dass auch er es wusste. Oder zumindest instinktiv erfasst hatte, denn er war verwahrlost, abgerissen und schien mit irgendetwas voll bis oben hin zu sein. So, wie er beim Gehen taumelte, vermutlich mit Alkohol. Seine Hose hing so tief, es grenzte an ein Wunder, dass sie überhaupt noch hing. Er brauchte sehr lang für die paar Meter. Vielleicht genoss er es aber auch, wollte sie möglichst lang im Ungewissen lassen, weil er spürte, dass sie sich wappnete. Sie hatte keine Angst, aber auf Abwehr geschaltet. Als er auf ihrer Höhe war, tänzelte er fast spielerisch ein wenig hin und her, machte aber keinen Schritt auf sie zu, ging stattdessen ein kleines Stück an ihr vorbei. Er machte das, dachte sie, um ihre Erwartung zu unterlaufen. Mehr noch, er nahm sie, das wurde ihr plötzlich klar, ein bisschen auf den Arm.

 

 

Nach diesem kleinen Täuschungsmanöver machte er einen Schritt zurück an ihren Tisch, nestelte an einer zerknüllten Zigarettenschachtel herum, holte unter einigen Mühen die letzte Zigarette heraus und hielt sie ihr hin. Dabei sprach er kein Wort. Hätte nur noch gefehlt, dass er ihr einen Euro schenkte. Sie musste schmunzeln, wie tricky er war, und sagte höflich: „Danke, ich rauche nicht.“ Er packte die zerdrückte, schon kurz angerauchte Zigarette wortlos wieder ein und ging taumelnd und langsam seiner Wege. Die Bedienung kam, mit besorgtem Blick: „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ – „Ja, danke, er wollte mir nur eine Zigarette schenken, aber ich rauche nicht.“

 

Text: Karin Rieppel / Zeichnung: Martin Taylor

 

Karin Rieppel &
Sigrun Matthiesen

 

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Foto © Faruk Hosseini 

im Buchstabenmuseum Berlin